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Wenn eine Aufnahme gleichzeitig lehrreich ist und Spaß macht...
Brahms' 1. Klavierkonzert in der Fassung zu vier Händen mit Tal/Groethuysen

CD-Kritik, Februar 2011

Musik für zwei Pianisten hat im normalen Konzertrepertoire eine Sonder- bis Exotenstellung. Wirklich berühmt sind die Mozart-Sonaten zu vier Händen und für zwei Klaviere, und zum Beispiel die Ungarischen Tänze von Johannes Brahms -von denen man gemeinhin allerdings allzugern vergisst, dass auch sie ursprünglich Klaviermusik für vier Hände sind.
Johannes Brahms steht auch im Mittelpunkt der neuesten CD (hier zum Beispiel) des Pianistenduos Yaara Tal und Andreas Groethuysen, und zwar mit seinem Klavierkonzert Nr. 1 in d-moll op. 15. - das hat Brahms natürlich für Klavier und Orchester geschrieben, aber er hat es für Klavier zu vier Händen bearbeitet, und das Duo Tal/Groethuysen hat mit Werke, die "nur" Bearbeitungen sind, einschlägige Erfahrung. Die kann zum Beispiel dokumentiert werden an der geradezu wegweisenden Aufnahme der Bachschen Goldberg-Variationen in der Bearbeitung für zwei Klaviere von Reger-Rheinberger, die das Duo vor zwei Jahren vorgelegt hat.
Die vierhändige Brahms-Bearbeitung seines eigenen Klavierkonzerts ist aber nicht Vorläufer für Späteres (wie bei den Ungarischen Tänzen). Noch ist sie Erweiterung von bereits Vorhandenem (wie bei den Goldberg-Variationen). Sie ist naturgemäß ein Kondensat eines symphonisch angelegten Klavierkonzerts auf eine einzige Klaviatur. Allerdings ist die Entstehungsgeschichte des Werkes interessant: Sie beginnt (Quelle: Deutsche Wikipedia) nämlich im Jahre 1856, kurz nach dem Selbstmordversuch Robert Schumanns, wo Brahms mit die Komposition einer Sonate zu vier Händen in d-moll anfing. Über drei Jahre hinweg entwickelte sich daraus das Konzert. Ist die vorliegende Bearbeitung also ein "zurückgeführter Klavierauszug" von einem Dialog zweier Klaviere oder des Klaviers mit dem Orchester? Genau das geht natürlich nicht, weil sich ja Orchester und Klavier schon von der Tonlage her sicher nicht in einen Primo und Secondo einteilen lassen. Fragt sich also, wieso Brahms diese Bearbeitung überhaupt geschrieben hat, und welche musikalische Mission die Interpreten hier verfolgen. Womöglich ergibt sich die zweite Antwort aus der ersten. Da zu Brahms' Zeiten auch das musikalisch gebildete Bürgertum nicht immer leicht in den Genuss einer örtlich nahen Aufführung des Werkes in der Orchesterfassung kommen konnte, diente die Bearbeitung mit Sicherheit der Verbreitung des Werkes. Und je häufiger ich die Aufnahme gehört habe, desto weniger kann ich mich auch des Eindrucks erwehren, dass Brahms ebenso die Absicht gehabt haben muss, dem Stück eine musikalische Transparenz zurückzugeben, die es durch die satte Orchestrierung zuweilen zugunsten der Klangfülle verliert. Wenn ich richtig hinhöre, dann scheint das auch ein Anliegen des Interpretenduos zu sein. Am deutlichsten wird das alles im dritten Satz. Die Interpreten arbeiten hier die Stimmführung dynamisch so gut aus, dass die kunstvolle kontrapunktische Struktur sich dem Hörer in voller Pracht entfaltet. So paradox es klingt: Auf keiner einzigen Aufnahme einer Orchestereinspielung höre ich so eine gute Klangdisposition. Nun gut, vielleicht ist dieser Effekt ein Ergebnis der Zusammenfassung auf das eine Instrument. Völlig unbestreitbar aber verfolgen die beiden Pianisten genau diesen Effekt nicht als notwendiges "Übel", sondern als Ziel. Dies geht einher mit einer hörbaren Arbeit am thematischen Material, und auch dies wird gerade im dritten Satz deutlich. Alles, was thematisch passiert, entwickelt sich ja - typisch Brahms - aus einer minimalen Keimzelle von drei, vier Tönen (Quart- und dann Sekundschritt und, je nachdem, irgendwie weiter, oder auch dasselbe ohne den Quartschritt). An ausnahmslos allen Stellen, an denen dieses Keimzelle im Lauf der Komposition eine noch so kleine Metamorphose erfährt, heben Tal und Groethuysen genau diese Übergänge stimmlich hervor und machen es dem Hörer leicht, den musikalischen Held des Stückes durch seine Wandlungen zu begleiten und eben nicht aus dem Ohr zu verlieren.
Ähnlich erfreulich gut sind nach meinem Geschmack auch die beiden anderen Sätze eingespielt. Sehr geschickt - maßvoll, aber hörbar und genießbar - arbeiten die Interpreten mit Tempi und und Agogik und halten so den Fluss der Musik jederzeit spannend und fesselnd. Dass die beiden einem einzelnen Klavier simultan eine verblüffende Vielfalt von Klangfarben entlocken können, ist nicht neu, aber auch in dieser Einspielung wieder mit Genuss zu hören. Abstriche kann man, wenn überhaupt, jeweils an den Einleitungen der Sätze eins und zwei machen; denn die sind einfach vom Orchester her gedacht und verlangen eine Streicherintonation, die kein Klavier oder Flügel der Welt bieten kann. Ich weiß nicht, ob sich die These musikwissenschaftlich halten lässt: Aber ich vermute fast dass Brahms womöglich gerade wegen des aufgewühlten Anfangs im ersten Satz überhaupt zur Komposition für Orchester übergegangen ist -hier kann man die Erschütterung über das Schicksal des Mentors Schumann geradezu hören. Diese "Schwäche" der Klavierfassung aber lässt sich in Kauf nehmen für den Genuss aller anderen Teile des bearbeiteten Werkes. Ich habe dabei auch gehört, wie sehr sich Brahms in seinem Klavierkonzert Nr. 1 pianistisch und harmonisch ausgerechnet noch in der Nähe von Schumann aufhält. Erst in der Orchestrationstechnik enteilt Brahms dem großen Freund uneinholbar.
Diese CD ist für mich ohne Übertreibung eine der bemerkenswertesten, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind. Ich kann nur jeder und jedem, der Brahms' Werke und Klaviermusik wenigstens ein bisschen mag, empfehlen, sie sich zuzulegen. Ich habe mich noch lange nicht an ihr sattgehört.
Und übrigens, auf der CD finden sich auch noch die zwanzig vierhändigen Ländler von Schubert. Sie waren nicht Gegenstand dieser CD-Kritik, aber sie sind auf dem Tonträger mehr als eine Dreingabe. Das ist einfach wunderbar musizierte Symbiose von Heiterkeit und Ernst, und der Norddeutsche Brahms, der das Österreichisch-Volkstümliche liebte, dürfte sich über die Schubert-Stücke auf dieser CD genauso freuen wie über die Einspielung seines eigenen.

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Ein kleines Buch über große Paradoxien des Lebens

Bernhard Schlink: Sommerlügen

Eine "Rezension" (September 2010)

Wenn mich jemand fragt: "Was war das letzte Buch, das Du richtig beeindruckend fandest?", dann werde ich wahrscheinlich auf absehbare Zeit antworten: "Sommerlügen" von Bernhard Schlink. Dabei kommt das Buch gar nicht aufdringlich oder bombastisch daher: Der 66jährige Autor legt in dem bei Diogenes erschienenen Band sieben Erzählungen vor, die fast genau dem klassischen Sujet der Kurzgeschichte entsprechen, und die sich alle damit beschäftigen, wie sich Menschen unbewusst, aber systematisch in Illusionen verstricken, selbst belügen oder eben einfach "ihre eigenen Realitäten" zurechtlegen. Das ist vielleicht kein neues Thema, sollte man meinen. Aber die unprätentiöse Art, mit der der Jurist Schlink es hier behandelt, sorgt dafür, dass die Story jeweils eine besondere Art von Glaubwürdigkeit erhält. Die jeweiligen Protagonisten handeln auf eine Weise, die ganz offensichtlich der Verrücktheit nahe, aber dennoch absolut glaubwürdig ist. "Mist, das würde ich in vergleichbarer Situation wahrscheinlich genauso machen", wird sich manche Leserin und mancher Leser beim Lesen eingestehen. Entscheiden sich aber Schlinks Protagonisten bewusst für das, was sie tun und gegen das, was sie lassen? Stell Dir zum Beispiel vor, Du sitzt im Flugzeug nach Deutschland, und Dein Sitznachbar erzählt Dir "seine" Geschichte; Du kannst nicht ihm und nicht seiner Geschichte entkommen. Zu dieser Geschichte, die er erzählt, gehört am Ende auch, dass er seine Freundin umgebracht hat, und dass er sich jetzt eben in Deutschland den Behörden stellt, weil er von den Agenten ihres ehemaligen Liebhabers, eines arabischen Scheichs, verfolgt wird - würdest Du ihm Deinen Pass leihen, damit er wenigstens nicht gleich an der Grenze festgenommen wird? Die Antwort auf diese Frage fällt womöglich nach der Lektüre der Sommerlügen anders aus als vorher. Insofern ist Schlinks Buch durch seine Macht der glaubwürdigen Erzählung zugleich ein Lehrbuch, aber eben eines ohne erhobenen Zeigefinger. Es ist ein kleines Buch, und es behandelt doch die große Paradoxie, dass wir mit unserem Leben nur dadurch zurechtkommen können, dass wir bevorzugt falsche Entscheidungen treffen. Schlink moralisiert nicht, er doziert nicht. Ob er überhaupt erfindet? Vielleicht beobachtet er einfach nur. Und das reicht. Sein Welterfolg "Der Vorleser" war - 15 Jahre ist das jetzt schon her! - eine völlig andere Kategorie Buch. Hier hatte Schlink eine ganz besondere Annäherung an das große deutsche Geschichtsthema aufgeboten, und in "Die Heimkehr" hatte Schlink den Odyssee-Mythos in die Dimensionen einer "ganz normalen Lebensgeschichte des 20. Jahrhunderts" heruntergebrochen. Schlinks Sprache der Sommerlügen unterscheidet sich markant von der in den vorgenannten Büchern, und sie passt außerordentlich gut zu dem, was man ihm als sein aktuelles Anliegen unterstellen mag. Er formuliert keine marmornen Sätze und konstruiert keine überbordenden Metaphern, im Gegenteil. Sein Stil ist einfach und exakt, aber niemals kühl oder blutleer. Und zu diesem Stil gehört ein leichter, feiner hintergründiger Humor, der allerdings auch nur dann verfängt, wenn der Leser eine gewisse Bereitschaft zur Selbstironie mitbringt: Die Schwächen der Protagonisten und der sie umgebenden, über die wir lachen, sind ja schließlich unsere eigenen. Aber wer weiß, vielleicht sind's auch letztlich gar keine reinen Schwächen. Denn die freiwillige oder auch unfreiwillige Botschaft zumindest einiger von Schlinks Geschichten besteht darin, dass sich erst durch die fortgesetzte Fehlbarkeit der handelnden Personen überhaupt auch Chancen und Perspektiven ergeben. Und das stimmt dann doch hoffnungsfroh für's echte Leben. Oder lege ich mir da jetzt auch nur etwas schön zurecht?



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